Durch Hamburg oder die Memoiren eines Buchhalterlehrlings

Von Arthur Devriendt

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Mit einem geschmeidigen, luftigen Gang, der die gesamte Besatzung zum Jubeln brachte, stieg der Mann aus dem Flugzeug. Bewundert von den anderen Passagieren, betrat er zum ersten Mal deutschen Boden. Und das ohne zu zögern. Auf dem Rollfeld zog er seine Jacke wieder an, überprüfte den Zustand seiner Uhr durch die Plastikverpackung und winkte der Stewardess zum Abschied zu. Wer hätte gedacht, dass hinter dieser Gewissheit, diesen weißen Zähnen und dieser perfekten kleinen Nase tiefe emotionale Ängste und ein Nervenzusammenbruch versteckt lagen?

Dieser Mann von Welt, nur mit einem nicht anerkannten Diplom und den Tränen seiner Mutter, war ich. Es war der 10. November 2016 und ich war gerade in Hamburg angekommen. Ich würde in ein paar Tagen 30 werden und ich war entschlossen, ein neues Leben zu beginnen. Meine Freude muss ansteckend gewesen sein, denn überall um mich herum waren die Teams sofort damit beschäftigt, den Flughafen zu meinen Ehren umzubenennen.

Meine Begeisterung für die deutsche Gastfreundschaft war jedoch nur von kurzer Dauer. Es war nicht mein Name, den sie auf der Vorderseite des Terminals schrieben, sondern das eines gewissen "Helmut Schmidt". Wer ist dieser Typ, der mir die Show stiehlt? Ich begrüßte die Polizisten, zeigte ihnen meinen Ausweis und wies sie auf den groben Schreibfehler hin. Sie wollten nichts davon hören und schickten mich weg, um meine Taschen zu holen. Das Spiel, Kamaraden, sollte nicht einfach werden in diesem Land.

Mönckebergstraße

Die deutsche Sprache war eine ferne Erinnerung. Vor zwanzig Jahren und auf der anderen Seite des Flurs, um genau zu sein. In einem Raum in der Schule, in dem Geschrei ertönte und offensichtlich auch körperliche Züchtigungen stattfanden. Ich war in Spanisch, wo ich unter den erstaunten Augen von Miss Corazón den Flamenco wiederholte und endlos "r's" rollte – ohne den Verdacht zu haben, dass es nur Zeitverschwendung war.

Danke Bildung, danke Frau Duchamp (2) ! 

In Hamburg entschied ich mich, die Sprache meiner Gastgeber zu lernen. Auf der Mönckebergstraße, zwischen einem Starbucks und einem Adidas-Store befand sich die DeutschAkademie. Die einzige Universität, die über einem Panini-Laden gebaut war. Es war zwar nicht Berkeley, aber es gab eine Kaffeemaschine und sie machte heiße Schokolade. Ich war zufrieden.

Das Erlernen einer Fremdsprache ist ideal, sagen sie, um neue Leute kennen zu lernen. Kaum hatte ich mir ein paar Zahlen eingeprägt, erinnerte ich meinen Nachbarn, einen leicht mürrischen Brasilianer, an den Sieg Frankreichs 1998: "3:0! Auf der freundschaftlichen Seite stand es dadurch aber -1:0. Es war auch ein Neuseeländer dabei. Ihm gegenüber nickte ich nur ganz leicht und lief weg. Das war sicherer.

Die nettesten Leute schienen die Spanier zu sein. Aber ich war zu besorgt, Monsieur Duchamp wieder zu begegnen, also konzentrierte ich mich auf meine Übungen und meine Deklinationen.

Rathausmarkt

Als mein erster Satz mit einem Verb am Ende aus meinem Mund kam, wusste ich, dass ich etwas tun musste. Ich wusste, dass es für mich an der Zeit war, ein Abenteuer zu erleben. 

Nach dem Versuch, Flüchtlingskinder durch Mimik zu begleiten, und dann Gemüse zu verteilen, ohne deren Namen zu kennen, fand ich einen Praktikumsplatz in der Nähe der politischen Führung, im Zentrum der Macht - buchstäblich - unter dem Rathaus. In einer Buchhandlung zwischen dem Bahnhofseingang und den U-Bahn-Toiletten. Die Kundschaft war eher ein eiliger Typ.

Die deutsche Arbeitsweise war perfekt etabliert: Wenn ein (potenzieller) Kunde auf mich zukommt, würde ich meine Augen weiten und ein Kollege würde das übernehmen. Wir waren ein gutes Team. Von Zeit zu Zeit wurde ein Freiwilliger, der automatisch vom örtlichen Arbeitsamt vermittelt wird, eine Kiste mit Büchern zuwerfen und mich in die Stadt schleppen. In jedes Geschäft ging er herein und rief, dass ich einen Job suche - ich bestätigte, stammelnd, mit rotem Gesicht und keuchend - dann kam er mit zufriedenem Gesicht heraus. Ich wurde nie zurückgerufen. 

Der Leiter der Buchhandlung hatte keine unmittelbaren Pläne, mir mehr Verantwortung zu übertragen, also habe ich mich schließlich anderweitig umgesehen. 

Wandsbeker Chaussee

In Wandsbek habe ich zum ersten Mal den Stolz gespürt, ein Franzose zu sein. Vor dem Decathlon. In gewisser Weise ist das auch mein Verdienst, dass die Deutschen billige Schienbeinschoner kaufen können, richtig?

Ich hatte noch einen weiteren Termin bei einer Zeitarbeitsfirma in dieser Gegend. Die Art, wo Leute, die keinen Job haben, ihre Hände waschen müssen unter dem anklagenden Blick der Sekretärin. Der Berater hat mir das Beste von allem versprochen. Unter einer Bedingung: Ich musste Sicherheitsschuhe anzuziehen, die größer waren als ich, sofort auf die andere Seite der Stadt zu gehen, und nicht der Neugierde auf den Vertrag zu schauen nachgeben. 

Kaum hatte ich das Dokument berührt, packte er mich am Kragen und führte mich zurück zur Tür. Auf dem Weg dorthin fragte ich ihn auf Französisch nach der Rechtmäßigkeit des Berufs seiner Mutter. Es kam keine Antwort. Es ist aber schon faszinierend, die kulturellen Unterschiede.

Sankt Georg

Nach einer weiteren Reihe von mehr oder weniger vielversprechenden Interviews gelang es mir endlich. Ich schaffte es, bewaffnet mit meiner besten Krawatte und meinem besten Akzent, den begehrten Job zu bekommen: Lehrling.

Am 1. September 2017 wurde der Mann mit der harmonischsten Nase zurück zur Schule geschickt. "Sollen wir uns mit dem Vornamen anreden oder mit dem Nachnamen? ", fragte mich der Buchhaltungslehrer. Ich habe mit "Nein" geantwortet. Er war verwirrt, und ich auch. Der Lernprozess konnte endlich beginnen!

Wenn Sie als Kind Hausaufgaben, Auswendiglernen, Prüfungsstress und Sonntagabende nicht mochten, ist es unwahrscheinlich, dass Sie dreißig Jahre später Spaß daran haben werden. Andererseits, würden Sie sicherlich die Schulcafeteria mit heißen Schokolade und einer Sammlung von Brötchen und Brownies entdecken.

Kaum hatte ich eine leckere Zimtschnecke aufgegessen, sprang meine Klassenlehrerin auf mich zu: "Arthur, du kannst hier Spanisch lernen. Aber es wäre doch besser, wenn Sie sich auf Deutsch konzentrierten, oder? Mir lief das Blut in den Adern: "Das ist ein Trick von Mr. Duchamp? Geben sie es zu!" Sie hat es nicht verstanden. Wahrscheinlich war es der Akzent (4).

Jungfernstieg

Ein paar Meter von der Alster entfernt, im Büro, arbeitete ich mit einer besonders cleveren Strategie. Sie bestand darin, die ganze Zeit mit "Ja" zu antworten (und zur Toilette zu rennen, sobald das Telefon klingelte). Der Fortschritt war kometenhaft: Innerhalb von fünf Monaten war ich in der Lage, selbständig Wasser in Flaschen zu bestellen.

Als Schokoladentrinker in der Schule war ich "Herr Devriendt". Der Firmenchef lud mich in das Restaurant ein, nahm mich auf Reisen mit und sprach sogar mit mir über zukünftige Aufgaben. Könnte er mich drei Jahre lang mit jemand anderem verwechselt haben? Die größten Wissenschaftler haben die Frage untersucht und es ist die einzige rationale Erklärung, die bisher gefunden wurde.

Eppendorf

Es gibt Arbeit, Schule, Lernen. Dann gibt es die Liebe - oder die Suche nach Liebe. Wie durch ein Wunder gelang es mir nach vielen Versuch, eine Brünette in ein Restaurant im Norden der Stadt zu locken. 

Es gibt Arbeit, Schule, Lernen. Dann gibt es die Liebe - oder die Suche nach Liebe. Wie durch ein Wunder gelang es mir nach vielen Versuch, eine Brünette in ein Restaurant im Norden der Stadt zu locken. Ich hatte ein Gedicht auswendig gelernt, nur für den Fall. Ich konnte Baudelaire in der Sprache von Goethe rezitieren, aber ich war nicht in der Lage, einfach zu erklären, warum meine Mutter einen schlechten Rücken hatte. Meine Partnerin schien das nicht zu stören: "Du bist süß!", wiederholte sie immer wieder. Mit solcher Inbrunst erlaubte ich mir, sie zu küssen.

Viel später sollte ich erfahren, dass sie mit einem Hund sprach. 

Fußnoten

(1) Mon anniversaire, c’est le 18 novembre. Vous n’avez plus d’excuses !
(2) Le vrai nom de Mademoiselle Corazón, comme me l’a appris un soir Monsieur
Duchamp sur le parking désert du collège.
(3) C’est ce qu’ils appellent le « German Dream ».
(1)Mein Geburtstag ist der 18. November. Keine Ausreden mehr mir nicht zu gratulieren! (2)Miss Corazóns richtiger Name, wie mir Herr Duchamp eines Abends auf dem verlassenen Parkplatz des Colleges erzählte. (3) Das ist es, was sie den "Deutschen Traum" nennen. (4) Schlussendlich habe ich Französisch gelernt um eine gute Note bekommen.

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