Die unrealistische Wahrnehmung der Franzosen von Deutschland: Kennen uns unsere Nachbarn wirklich?

Dieser Leitartikel wurde von Clément Stratmann geschrieben, einem deutsch-französischen Staatsbürger, der seit seiner Geburt zweisprachig ist. Er hat die meiste Zeit seines Lebens im deutschsprachigen Raum gelebt, aber auch einige Jahre in Frankreich. Clément machte sein AbiBac an der Deutschen Schule in Paris. Er wird regelmäßig über binationale Nachrichten auf beiden Seiten des Rheins informiert. Die Leitartikel der Denkfabrik bieten den Autoren die Möglichkeit, ihren Standpunkt darzustellen. Wer eine andere Meinung zu einem ähnlichen Thema äußern möchte, kann sich an Léandre Lepers unter leandre.lepers@generationdavenir.fr wenden.

Die französische Wahrnehmung der anderen Rheinseite war von immer-wechselnden Gefühlen geprägt, die mit dem Zeitgeist und den grenzüberschreitenden Beziehungen zusammenhingen. Hin- und hergerissen zwischen Bewunderung, Angst, Eifersucht oder einfach Unverständnis gegenüber dem geografisch so nahen, aber doch so weit entfernten Nachbarn, wenn es um alltägliche Gewohnheiten und Bräuche geht. Franzosen scheinen damit zu kämpfen, zu verstehen, dass das, was innerhalb Frankreichs die Norm ist, nicht notwendigerweise auch anderswo die Norm sein muss. Oder auch, dass Deutschland ein viel ambivalenteres und komplexeres Land ist, als das imaginäre Land, was mehrere Jahrzehnte der Annäherung als mentales Bild im französischen Nationalbewusstsein geschaffen haben könnten. Frankreich ist seit der Versöhnung der beiden Rheinufer, die 1963 in der Unterzeichnung des Élysée-Vertrags gipfelte, seit mehreren Jahrzehnten mit Deutschland verbunden und hat Schwierigkeiten, die fixen, manchmal romantisierten und sogar idealisierten Vorstellungen zu unterscheiden, die viele "Gallier" von ihren ersten Vettern haben mögen. Die Tatsache, in einem gemeinsamen, hochgradig vernetzten europäischen Raum zu leben, oder sogar die intime Zugehörigkeit zur gleichen Völkerfamilie führt nicht unbedingt zu einer authentischen Kenntnis des Nachbarn; schlimmer noch, der gute Wille zum Teilen, zum Austausch und zum brüderlichen Zusammenleben kann dazu neigen, die Wahrnehmung der scharfsinnigsten Beobachter zu trüben.

Deutschland war lange Zeit das Land der Denker und Philosophen, in dem das romantische und politische Denken blühte und lyrische Verse die Seiten zahlloser literarischer Werke füllten - zumindest in der Wahrnehmung französischer Autoren wie Madame de Staël, die wie viele ihrer Mitbürger*innen zu Beginn des 19. Jahrhunderts von der Vorstellung des Landes verzaubert war, in dem Kant, Beethoven, Schiller, Goethe und andere geboren worden waren. Deutschland, das Land der Künste und der Wissenschaften, die Nation Humboldts, so hieß es – zumindest bis zum Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71. In dieser Zeit wurde die deutsche Seite als ein Hort des Autoritarismus in seinem dunkelsten Licht dargestellt, barbarisch und militaristisch, gefährlich und hasserfüllt, und eine existenzielle Bedrohung für Frankreich. Eine Personifizierung, die Deutschland in dieser Zeit nicht zu verfälschen versuchte. Es bedurfte vieler gemeinsamer Anstrengungen und vieler Jahre, um diese Bilder entstehen zu lassen, verstärkt durch den Schmerz vieler Franzosen, die während des Krieges das Martyrium erlitten haben, durch Gefühle und Blicke, die auf Zusammenarbeit, Annäherung und schließlich Versöhnung zielten. Es galt also, diesen im Laufe der Zeit so vertraut gewordenen, aber dennoch so wenig bekannten Fremden wiederzuentdecken, nein, zu entdecken, der sich vor der nationalen Haustür präsentierte, ein plumpes, aber charmantes und nicht minder geheimnisvolles Lächeln auf den Lippen.

Seit seiner Rückkehr zur Demokratie wird Deutschland, oder zumindest das, was die Franzosen als deutsch definieren, mit den Werten Effizienz, Disziplin, Pünktlichkeit, Zielstrebigkeit, einer florierenden Wirtschaft und einer wohlhabenden Bevölkerung assoziiert, vereint in einem parlamentarisch-demokratischen System, das nahezu unerschütterlich scheint und sich nahezu perfekt ergänzt, so dass die berühmte "Lokomotive Europas" ihre Rolle als "Leuchtturm der Vernunft" in einer mal europäischen, mal globalen, oft turbulenten See ausüben kann.

Denn ja, trotz des Anscheins wird der Zustand des deutschen Gesundheitssystems weithin verunglimpft und ist ein Gegenstand von Kontroversen [...].

Diese vorgefassten Meinungen bleiben. Auch dank des etwas vereinfachenden, ja reduzierenden Bildes, das die französische Medienwelt von Deutschland vor der französischen Öffentlichkeit zeichnet. Es sollte angemerkt werden, dass die COVID-19-Pandemie und der Export vieler französischer Patienten in Krankenhäuser jenseits des Rheins nichts dazu beigetragen haben, die Stereotypen zu verändern: Denn ja, trotz des Anscheins wird der Zustand des deutschen Gesundheitssystems weithin verunglimpft und ist ein Gegenstand von Kontroversen, die in Deutschland besonders seit der letzten Jahrhundertwende stetig wachsen. Deutsche Effizienz, wie sie das Sechseck imaginiert, mag sich bei der Behandlung ausländischer Patienten zu Beginn der Gesundheitskrise gezeigt haben, aber sie ist sicher kein alltäglicher oder gar politischer Standard, wie die langsame und unkoordinierte Reaktion von Bund und Ländern auf die dritte Welle des Virus im Frühjahr 2021 zeigt. Das gilt auch für jeden, der sich im Alltag schon einmal mit deutscher Bürokratie auseinandersetzen musste oder sein Kind einfach in einer Kita anmelden wollte. Die jüngsten Schwierigkeiten mit dem deutschen politischen Föderalismus sind ein gutes Beispiel dafür, dass das deutsche Modell der Dezentralisierung nicht allmächtig ist und eher ein Hindernis als ein Vorteil sein kann, zumindest dann, wenn sowohl der Wille zum Konsens als auch der Wille zum Kompromiss fehlt.

Disziplin, ein Wert schlechthin, der seit den letzten Jahrhunderten mit Deutschland assoziiert wird, ist keine Realität und kein Faktor des Zusammenhalts mehr in einem Land, das seit einigen Monaten von den zahlreichen Anti-Corona-Märschen und Demonstrationen der "Querdenker" erschüttert wird, selbsternannte kritische Geister, die sich allen Maßnahmen und Beschränkungen widersetzen, die der Beherrschung der Entwicklung der Pandemie gewidmet sind, im Namen einer höchsten und subjektiven persönlichen Freiheit, die weder Bürgerpflicht noch mitfühlenden Bürgersinn zu kennen scheint, während sie um maximales Verständnis für ihre Wünsche bitten. Pünktlichkeit ist in einem Land, in dem der Schienenverkehr wegen seiner fast systematischen Unpünktlichkeit sowohl zum Gespött der öffentlichen Meinung als auch zur Verzweiflung der von ihm abhängigen Nutzer wird, kein Wert mehr, mit dem sich die Bevölkerung in ihrer nationalen Identität identifizieren kann. Diese ernüchternde Feststellung wird durch die massiven Verzögerungen bei den nationalen Bauprojekten wie der Flughafen Berlin-Brandenburg, Stuttgart 21 oder auch bei der Umsetzung von Glasfaser und 4G auf Bundesebene in einem Maße aufgegriffen, dass sich diese Beispiele als unvermeidliche humoristische Referenzen im sarkastischen Repertoire der deutschen Bevölkerung etabliert haben.

 Das Wirtschaftswachstum und die Perioden mit nahezu Vollbeschäftigung, die Deutschland in den Nachkriegsjahrzehnten genossen hat, haben ihm den Ruf eines wohlhabenden und wirtschaftlich robusten Landes eingebracht; ein goldenes Bild, dessen Farbe zu bröckeln beginnt, wenn wir die Zahl der Rentner sehen, die in einem Elend leben, das durch die Rente, die sie erhalten, nicht verhindert werden kann, den Anteil der Kinder, die unter der Armutsgrenze geboren werden und aufwachsen, die Arbeitslosenquote, die durch die schließenden Auswirkungen der Pandemie in ihrem Wachstum verstärkt wird, sowie die sich vergrößernde wirtschaftliche Kluft zwischen West und Ost, wo klar ist, dass trotz der Tatsache, dass die Herzen größtenteils dafür sind und der Wille das letzte ist, was für den Erfolg fehlt, die Wiedervereinigung in Bezug auf die wirtschaftliche Integration der ehemaligen verarmten Provinz, die früher unter dem sozio-geographischen Namen "Ostelbien" bekannt war, gemartert und geschwächt durch vier Jahrzehnte der kommunistischen Diktatur, nicht vollständig abgeschlossen ist. Diese Beobachtung gilt übrigens auch für eine ganze Reihe von "Brennpunktvierteln", also Stadtteile, die oft überbevölkert und geschwächt sind, einen hohen Anteil an Bewohnern mit Migrationshintergrund beherbergen und unter mangelnder wirtschaftlicher Aktivität leiden, wie man an den berüchtigten Beispielen Marxloh, Neukölln, Tempelhof oder Offenbach etc. sehen kann. Deutsche und ausländische Arbeitssuchende, die sich zwischen mehreren sehr schlecht bezahlten Jobs, den sogenannten "Ein-Euro-Jobs", abwechseln müssen, um täglich überleben zu können, werden immer zahlreicher in einem Markt, in dem die ohnehin schon überrepräsentierte qualifizierte Erwerbsbevölkerung die wirtschaftliche Situation für die unterprivilegierten Schichten auf Dauer immer unhaltbarer macht.

Dies hat die Rückkehr zahlreicher neonationalsozialistischer, faschistischer, extremistischer und alternativer Organisationen auf die öffentliche und politische Bühne begünstigt, die jegliche staatliche Autorität, insbesondere wenn sie aus dem demokratischen Rechtsstaat kommt, ablehnen und zu Ungehorsam im Namen eines zumindest annähernden Dissenses aufrufen.

Schließlich genossen und genießen die deutsche Demokratie und ihre Institutionen innerhalb des parlamentarischen Systems lange Zeit den Ruf einer belastbaren und unerschütterlichen gesellschaftlichen Säule innerhalb einer starken parlamentarischen Demokratie. Ein Eindruck, der schnell in Frage gestellt werden kann, wenn man den Anstieg der Extreme in Deutschland in den letzten Jahren analysiert, sowohl politisch als auch gesellschaftlich. So lehnt beispielsweise die rechtsextreme AfD-Partei, die offen mit Neonazismus und einem früher als überwunden geglaubten Ultranationalismus flirtet, die Tradition der deutschen liberalen parlamentarischen Demokratie offen ab und ermutigt zu verbalen, ideologischen und physischen Angriffen auf die Institutionen der deutschen Bundesrepublik. Dies hat die Unterwanderung staatlicher Institutionen durch nationalistische und extremistische Aktivisten mit der Komplizenschaft einiger Parteimitglieder auf erschreckende Weise gezeigt, wie z. B. der Angriff auf den Bundestag durch Rechtsextremisten im August 2020. Dies hat die Rückkehr zahlreicher neonationalsozialistischer, faschistischer, extremistischer und alternativer Organisationen auf die öffentliche und politische Bühne begünstigt, die jegliche staatliche Autorität, insbesondere wenn sie aus dem demokratischen Rechtsstaat kommt, ablehnen und zu Ungehorsam im Namen eines zumindest annähernden Dissenses aufrufen.

Diese gravierende Verschlechterung der politischen Kultur und der Verlust der Zivilität in der Gesellschaft ist keineswegs auf den rechtsextremen Flügel des politischen Spektrums beschränkt: Autonome Kollektive, Schlägerbanden, pseudorevolutionäre anarchistische Gruppierungen und zahlreiche selbsternannte "antifaschistische" Gruppen der extremen Linken vermehren sich seit einigen Jahren mit einer alarmierenden Geschwindigkeit in der Bevölkerung, vor allem in den Städten, unter dem Vorwand des Aufstiegs der extremen Rechten Unordnung und Terror in gewalttätigen Demonstrationen, in Hausbesetzungen, in langfristigen wilden Besetzungen, in Angriffen auf Repräsentanten und Ordnungskräfte und sogar in Krawallen zu erzeugen, wie beim letzten G20 im Jahr 2017 in Hamburg zu sehen war. Es ist auch möglich zu sehen, dass der identitäre Rand der Linken innerhalb der ideologischen Extreme der Grünen und der extremen Linken durch einen politischen Klientelismus an Boden gewinnt, der auf die Vertretung von Minderheiteninteressen in einer polarisierenden und tribalistischen Weise ausgerichtet ist, in einer kommunitaristischen Praxis, die mit den Thesen der auf die Spitze getriebenen sozialen Gerechtigkeit übereinstimmt und auf der angelsächsischen Theorie der Intersektionalität basiert, die selbst von jenseits des Atlantiks importiert wurde. Die Legitimationskrise, in der sich die Traditionsparteien der Konservativen der CDU, der Liberalen der FDP und der Sozialisten der SPD befinden, die unter wahltaktischen wie demographischen Verlusten an Zahlen, Kadern und Mitgliedern so gut es geht versuchen, einen "zentristischen" und "liberalen" Kern der Gesellschaft aufrechtzuerhalten, wird sich in der kommenden Zeit wohl nicht verringern. Die deutsche Landschaft befindet sich ebenso wie ihre europäischen und nordamerikanischen Nachbarn in einem tiefgreifenden Umbruch, der auf viele Unbekannte und ungelöste gesellschaftliche Probleme aufmerksam macht, wie z.B. den Klimawandel, den radikalen Islamismus, den Kommunitarismus, die Ausbreitung politischer Extreme, die Gesundheits- und Wirtschaftskrise, die Herausforderungen der digitalen Technologie, die europäische Entente usw.

Die tägliche Realität Deutschlands und der Deutschen ist also viel vielfältiger und komplexer, als es die vorgefassten Meinungen der Medien, Regierungen oder Institutionen aller Art, die für die andere Seite des Rheins werben, vermuten lassen. Es ist schwierig, die Stereotypen, die man typischerweise mit Deutschland verbindet, aufrechtzuerhalten, wenn man dort ankommt; Sobald man die Europabrücke überquert, der Kirchturm des Straßburger Münsters verschwindet und man den Boden der Heimat der "Dichter und Denker" berührt, wird klar, dass Deutschland kein Land wie in den Märchen der Gebrüder Grimm ist, sondern ein Kaleidoskop, das eine Vielzahl unterschiedlicher Facetten und wechselnde Lichter widerspiegelt, geformt von seinen Bewohnern im Rhythmus der vergehenden Zeit.

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